Habsburger und Osmanen

Habsburger und Osmanen
im Fluss der Zeit

Ein geschichtlicher Abriss für das Osmanisch-Österreichische Kulturfest

ZEITEN FLUSS HAINBURG

R.H. Ehmeir

21.September 2013

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1 – Die Anfänge
2 – Etablierung als Großmacht
3 – Durch die Gnade Gottes
4 – Sulṭān Süleyman vor Wien
5 – Die zweite Belagerung
6 – Das Kaffeehaus
7 – Renegaten in osmanischen Diensten
8 – Alla turka
9 – Freundschaft
10 – Das Ende

1 – Die Anfänge

Portrait von Rudolf I. Graf von Habsburg, deutscher König, im Krönungsornat, von Ludwig Minnigerode (1847–1930)

Portrait von Rudolf I. Graf von Habsburg, deutscher König, im Krönungsornat, von Ludwig Minnigerode (1847–1930)

Die Habsburger und die Osmanen traten etwa zur gleichen Zeit ins Licht der Weltgeschichte. Rudolf von Habsburg wurde 1273 von den Kurfürsten zum deutschen König gewählt und wurde 1278 Herzog von Österreich. Osman Gazi wurde 1288 vom Seldschuken-Sulṭān zum Bey/Fürsten ernannt, womit das Fürstentum Osman gegründet war.

Rudolf beendete das Interregnum, besiegte den mächtigsten deutschen Herrscher seiner Zeit, den böhmischen König Ottokar II. und setzte den Landfrieden sowie die Hofrechtsprechung in Teilen des Reiches wieder durch. Er stärkte das Königtum trotz der dominierenden Stellung der Kurfürsten und legte durch den Gewinn des Königtitels sowie durch die Eroberung Österreichs die Grundlage für den weiteren Aufstieg seiner Familie. Nachdem die Reichsgüter Ottokars an das Reich zurückgefallen waren, belehnte Rudolf mit Einverständnis der Kurfürsten 1282 seine Söhne Albrecht und Rudolf mit Österreich, Steiermark, Krain und der Windischen Mark und erhob sie in den Reichsfürstenstand. Schon 1276 hatte er geistliche Fürsten überzeugt, Güter im selben Einzugsbereich an seine Söhne zu vergeben.

König Przemysl Ottokars Sohn Wenzel bittet Rudolf von Habsburg um die Leiche seines 1278 in der Schlacht bei Dürnkrut gefallenen Vaters (Wien, Österreichische Galerie), Anton Petter, 1826.

König Przemysl Ottokars Sohn Wenzel bittet Rudolf von Habsburg um die Leiche seines 1278 in der Schlacht bei Dürnkrut gefallenen Vaters (Wien, Österreichische Galerie), Anton Petter, 1826.

Mit der „Rheinfelder Hausordnung“ (1283) bestimmte Rudolf, dass diese Güter nur durch Albrecht und seine Erben beherrscht werden sollten; sein Bruder Rudolf sollte zum Ausgleich eine Entschädigung erhalten. Die Grundlage der späteren Herrschaft der Habsburger war damit geschaffen. Hingegen scheiterten Rudolfs Versuche, sowohl Albrecht die direkte Nachfolge als römisch-deutscher König zu sichern als auch sich selbst zum Kaiser krönen zu lassen. Nach dem Tod vom König Rudolf wechselten sich mehrere Geschlechter als Könige und Gegenkönige auf dem deutschen Thron ab, darunter Luxemburger und Wittelsbacher und ein Sohn und ein Enkel von Rudolf.

Osman Gazi

Osman Gazi

Osman Gazi ließ sich ab etwa 1299 während der Khuṭba namentlich erwähnen, was nach islamischer Rechtsauffassung nur unabhängigen Herrschern zusteht. Die eroberten Ländereien gab er als Lehen an Verwandte, Freunde, Militärführer und verdiente Gazis. Dadurch wurde die bis dahin halbnomadische Lebensweise seines Stammes beendet und die Grundlage für das spätere Feudalwesen des Osmanischen Reichs, das Timarsystem, gelegt. Auch setzte er einen ersten Beylerbey als Oberkommandierenden des neuen stehenden Heeres ein, das das Stammeskriegertum seiner Anfangsjahre ersetzte. Osman war von Beginn an daran interessiert, die Christen in seinen eroberten Ländern zu beschützen. Diese Neigung von Osman gilt als einer der Gründe für die rasche Vergrößerung des osmanischen Reichs. Die Yoldaş (Wegbegleiter) von Osman waren zu einem Teil Garib (Fremdlinge/Überläufer). Der wohl bekannteste von ihnen ist Köse Mihal (deutsch: Michael der Bartlose, auch Michael der Spitzbart), ehemals byzantinischer Statthalter und griechischer Herkunft. Er beteiligte sich als Verbündeter mit seinem Gefolge an Osmans Kriegszügen und unterstützte ihn zudem als ortskundiger Führer, Berater und diplomatischer Vermittler. Noch hunderte Jahre später standen Mihals Nachkommen im Dienst des Sulṭāns.

Orhan Gazi

Orhan Gazi

1317 übertrug Osman den Oberbefehl an seinen Sohn Orhan, den er mit einer Tochter des byzantinischen Kaisers Andronikos III. verheiratet hatte. Orhan nannte sich als erster Sulṭān und ergrößerte in seiner Regierungszeit von 33 Jahren das osmanische Gebiet aufs sechsfache und dehnte es auch auf Europa aus.

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2 – Etablierung als Großmacht

Nach dem Tod von Kaiser Sigismund (ein Luxemburger) erbte sein Schwiegersohn, der Habsburger Herzog Albrecht die Königswürde von Ungarn und Böhmen und wurde auch zum deutschen König gewählt. Er konnte sich aber weder in Ungarn noch in Böhmen durchsetzen und diese Unstabilität erleichterte die türkische Eroberung von Serbien. Albrecht starb bereits ein Jahr nach seiner Krönung, und sein Vetter Friedrich (der nächste männliche Verwandte) wurde 1440 von den Kurfürsten einstimmig zum römisch-deutschen König gewählt. Friedrichs Herrschaftszeit ist mit 53 Jahren die längste aller römisch-deutschen Herrscher. 1452 wurde Friedrich als letzter römisch-deutscher Herrscher (und einziger Habsburger) vom Papst in Rom zum Kaiser gekrönt.

Kaiser Friedrich III. mit dem Erzherzogshut. Tafelbild, ca 1460 gemalt, Chorherrenstift Vorau, Steiermark

Kaiser Friedrich III. mit dem Erzherzogshut. Tafelbild, ca 1460 gemalt, Chorherrenstift Vorau, Steiermark

Friedrich wurde von den meisten Zeitgenossen und auch später gering geschätzt, als „Erzschlafmütze“ bezeichnet. Tatsächlich war er es, der das Habsburgerreich dauerhaft als europäische Großmacht etablierte. Er siegte, ohne zu kämpfen, vermied Schlachten, wich zurück und wartete ab. Von seiner Mutter Cimburgis von Masowien (um Warschau) erbte er die absolute Bescheidenheit. Er hasste Luxus und Exzesse, vermied alle unnötigen Ausgaben, sogar seine Kaiserkrönung ließ er vom Papst bezahlen. Er war verschlossen, hatte niedrigen Blutdruck und blieb deswegen morgens länger im Bett liegen. Seine einzigen Freuden waren Früchte und Fruchtsäfte, während er Alkohol nur in geringen Maßen trank, ganz ungewöhnlich in seiner Zeit. Er hinterließ geschätzte 30.000 bis 50.000 Urkunden. Er regelte auch die Wirtschaft, führte Qualitätskontrollen und Höchstpreise bei den alltäglichen Produkten ein, um die Not seiner Untertanen zu bekämpfen.

Enea Silvio Piccolomini (der spätere Papst Pius II.) stellt Friedrich III. dessen Braut Eleanora von Portugal vor - Auschnitt aus einem Fresko von Pinturicchio (1454-1513)

Enea Silvio Piccolomini (der spätere Papst Pius II.) stellt Friedrich III. dessen Braut Eleanora von Portugal vor – Auschnitt aus einem Fresko von Pinturicchio (1454-1513)

Friedrich plante langfristig. Er unterstützte den im Basler Konzil abgesetzten Papst Eugen IV., bekam dafür zwar von diesem die Kaiserkrönung versprochen, aber nicht die gewünschten eigenen Bistümer für Österreich. Er überredete seinen Sekretär, den Humanisten Enea Silvio Piccolomini, in den geistlichen Stand einzutreten und verhalf ihm zu einer Karriere, die 1458 mit seiner Wahl zum Papst Pius II ihren Höhepunkt erreichte. Vom neuen Papst bekam Friedrich dann seine Bistümer.

Friedrich musste zulassen, dass lokale Fürsten die böhmische und ungarische Königskrone an sich rissen, musste den Ständen immer wieder Zugeständnisse machen, wurde von ungarischen König Matthias Corvinus aus Wien und Wiener Neustadt vertrieben und wich nach Linz aus. Durch gegenseitige Erbverträge mit seinen Rivalen, die er dann alle überlebte, und durch die Hochzeit seines Sohnes Maximilian mit der Tochter von Karl dem Kühnen von Burgund, hatte Friedrich bei seinem Tod 1493 ein gewaltiges Reich hinterlassen, und die Krone des römisch-deutschen Kaisers wurde von nun ab von einem Habsburger zum nächsten weitergegeben. Die Wahl durch die Kurfürsten war nur mehr Formsache, die Krönung durch den Papst nicht mehr nötig.

Mehmed II. tritt 1451 seine Herrschaft in Edirne an (Miniatur aus dem Hüner-nāme, 1523, heute im Topkapi Palast)

Mehmed II. tritt 1451 seine Herrschaft in Edirne an (Miniatur aus dem Hüner-nāme, 1523, heute im Topkapi Palast)

Mehmed II wurde von seinem Vater Murad schon als Zwölfjähriger als der siebente osmanische Sulṭān eingesetzt. Als es zu Unruhen kam, kehrte Murad aber wieder an die Macht zurück. Nach seinem Tod wurde der 19-jährige Mehmed endgültig Sulṭān. Von seinem Lehrer, dem Shaykh ui Islām Akşemseddin beeinflusst, sah er sich als derjenige, von dem schon der Prophet Muḥammad (sas) sprach: „Wahrlich, Konstantinopel wird erobert werden. Der erobernde Kommandant, was für ein herrlicher, wunderschöner Kommandant.“ Sulṭān Mehmed schloss Friedensverträge mit Ungarn und Venedig ab, um sich den Rücken freizuhalten, und setzte alles daran, den zu einer Enklave innerhalb des osmanischen Reiches geschrumpften Rest des Byzantinischen Reiches zu erobern, was ihm 1453 gelang. Er selbst sah sich nun als „Kaiser der Römer“ und machte die Stadt zu seinem Regierungssitz. Der Patriarch Gennadios, der abgesetzt worden war, weil er sich der geplanten Vereinigung der ost- und west-römischen Kirche widersetzt hatte, wurde vom Sulṭān als Oberhaupt aller orthodoxen Christen im osmanischen Reich eingesetzt und mit zusätzlichen Privilegien ausgestattet.

Der Fall Konstantinopels war ein Schock für ganz Europa und führte zum erfolglosen Versuch, den Kreuzzugsgedanken wiederzubeleben. In Folge konnten die Osmanen ihr Reich in alle Richtung ausdehnen, sie stießen sogar bis Italien vor und nahmen 1480 die Stadt Otranto ein, ein erster Schritt zur Eroberung Roms, des „Goldenen Apfels“, mit dessen Einnahme Mehmed Imperator des gesamten römischen Reiches sein wollte. Nach dem Tod Sulṭān Mehmeds ein Jahr später musste Otranto aber wieder aufgegeben werden.

Sulṭān Mehmed II (Miniatur von Nakkaş Sinan Bey)

Sulṭān Mehmed II (Miniatur von Nakkaş Sinan Bey)

Mehmed II war ein Renaissance-Herrscher mit einer globalen Vision, sprach mehrere Sprachen fließend und stand anderen Ländern und Kulturen aufgeschlossen gegenüber. Er war der erste Sulṭān, der einer modernen Armee vorstand und Feuerwaffen systematisch einsetzte. Er konzipierte die Beziehung des Herrschers zum Volk neu, entwarf den Topkapi-Palast (in einer Form, dass er später leicht erweiterbar war), ließ alles protokollieren und regelte den Tagesablauf durch ein detailliertes Protokoll. Er führte im Gegensatz zu seinen Vorgängern den Vorsitz des Diwans (Staatsrates) nicht mehr selbst – das hätte ihn auf eine Stufe mit seinen Untertanen gestellt – sondern verfolgte die Sitzungen hinter einem Gitterfenster (kafes). Er schuf damit einen Einklang von Autorität, Protokoll und Architektur.

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3 – Durch die Gnade Gottes

Heiliges Römisches Reich (lateinisch Sacrum Romanum Imperium) war die offizielle Bezeichnung für den Herrschaftsbereich der römisch-deutschen Kaiser vom Mittelalter bis 1806. Der Name des Reiches leitet sich vom Anspruch der mittelalterlichen Herrscher ab, die Tradition des antiken Römischen Reiches fortzusetzen und die Herrschaft als Gottes heiligen Willen im christlichen Sinne zu legitimieren. Nach dem „Translatio imperii“ ist die höchste weltliche Macht, das Imperium, von den Römern auf das fränkisch-deutsche Reich durch Gottesgnadentum übergegangen.

Bildplatte in der Reichskrone des Heiligen Römischen Reichs: Christus flankiert von zwei Engeln, darüber steht „Per me reges regnant"

Bildplatte in der Reichskrone des Heiligen Römischen Reichs: Christus flankiert von zwei Engeln, darüber steht „Per me reges regnant“

Schon Karl der Große sah seine Herrschaft als Kaiser als durch göttliches Recht legitimiert an (a deo coronatus imperator, „von Gott gekrönter Kaiser“) und verstand sein Reich als eine dadurch bestimmte Einheit von Staat, Kirche und Religion. Otto I. ließ die Formel „Dei Gratia“ (durch die Gnade Gottes) in das ostfränkische Königssiegel einfügen. In der um das Jahr 1000 geschaffenen Reichskrone des Heiligen Römischen Reichs verweist der alttestamentarische Sinnspruch „Per me reges regnant“ – „Durch mich regieren die Könige“ (Buch der Sprichwörter 8,15) auf das Gottesgnadentum ihrer Träger.

Auch im Römerbrief des neuen Testaments (Kapitel 13) gibt es eine Legitimations-Quelle: „1 Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. 2 Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfangen. 3 Denn die Gewaltigen sind nicht den guten Werken, sondern den bösen zu fürchten. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes, so wirst du Lob von ihr haben. 4 Denn sie ist Gottes Dienerin dir zu gut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst; sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe über den, der Böses tut. 5 Darum ist’s not, untertan zu sein, nicht allein um der Strafe willen, sondern auch um des Gewissens willen. 6 Derhalben müsst ihr auch Schoß geben; denn sie sind Gottes Diener, die solchen Schutz handhaben. 7 So gebet nun jedermann, was ihr schuldig seid: Schoß, dem der Schoß gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.“

Als Kennzeichen dieser Gott-gegebenen Macht gelten die Reichsinsignien, die heute noch in der Schatzkammer der Wiener Hofburg zu sehen sind. Die wichtigsten Insignien des Heiligen Römischen Reiches waren die Reichskrone, die Heilige Lanze, das Reichsschwert und der Krönungsmantel. Seit 1438 wurde der römisch deutsche Kaiser von den Habsburgern gestellt, unter denen mit der Zeit (vor allem durch die burgundische Hochzeit) noch weitere Insignien dazukamen, wie der Burgunderschatz und der Schatz des Ordens des Goldenen Vlieses.

Tizian malte Karl V. nach dem Vorbild des bekannten Reiterstandbild von Marc Aurel

Tizian malte Karl V. nach dem Vorbild des bekannten Reiterstandbild von Marc Aurel

Besonders wichtig waren der Familie zwei Objekte, die als unveräußerlich deklariert worden sind und auf ewig in habsburgischem Besitz bleiben sollten. Einerseits das Ainkhürn, der Stoßzahn eines Narwales, den man im Spätmittelalter für das Horn eines Einhorns hielt, dem magische Wirkungen angedichtet wurden. Andererseits eine Achat-Schale von rund 59 cm Durchmesser, aus einem Achat gefertigt und schon deswegen ein Naturwunder. Ihre Besonderheit aber ist, dass in früheren Zeiten etwas erkennbar war, das wie B.XRISTO.RI.XXPP aussah. Dies wurde auf Christus bezogen und die Schale als Heiliger Gral angesehen, ein Kult-Gegenstand mit langer Geschichte, der schon vom alttestamentarischen Priesterkönig Melchizedek verwendet worden sein soll und später von Jesus beim letzten Abendmahl.

Die Habsburger ließen sich gerne in der Tradition römischer Kaiser darstellen, um die Fortsetzung des Römischen Imperiums auszudrücken – einen Anspruch, den ja spätestens seit der Eroberung Konstantinopels auch die Osmanen hatten.

1258 stürzten die Mongolen den Abbasiden-Kalifen in Bagdad, dem „Befehlshaber der Gläubigen“ und Nachfolger des Propheten. Überlebende der Dynasie flüchteten nach Kairo und amtierten in dieser Stadt – quasi als Marionetten der dort herrschenden Mamluken – als Titular-Kalifen ohne Machtbefugnisse. 1517 eroberte der osmanische Sulṭān Selim I. Syrien und Ägypten und besiegte das dortige Sulṭānat der Mamluken. Der letzte der abbasidischen Kalifen, al-Mutawakkil III., übertrug danach Sulṭān Selim offiziell das Kalifat. Dem neuen Kalifen wurden die heiligen islamischen Reliquien, die in den Schatzkammern Alexandrias aufbewahrt worden waren, anvertraut.

Die Schlüssel zur Kaaba im Topkapi-Museum

Die Schlüssel zur Kaaba im Topkapi-Museum

Der Scherif von Mekka hat Selim außerdem 1517 den Ehrentitel des „Beschützers der Heiligen Städte von Mekka und Medina“ verliehen und ihm die Schlüssel zur Kaaba und weitere Reliquien übergeben lassen. Mit der Zeit kamen immer mehr historische Gegenstände dazu. In Istanbul hatten die heiligen Reliquien – darunter der Mantel, mehrere Schwerter, ein Fußabdruck und das Banner des Propheten Muhammed, der Stab des Moses und ein Schwert von König David (Friede sei auf ihnen allen) – einen Ehrenplatz und wurden bei offiziellen Zeremonien verwendet.

Ähnlich wie in der Bibel gibt es auch im Koran (4,59) eine Anweisung für die Gläubigen: „O die ihr glaubt, gehorchet Gott und gehorchet dem Gesandten und denen, die Befehlsgewalt unter euch haben.“ Und der Prophet Samuel spricht zu den Israeliten, die sich einen König gewünscht hatten, aber Saul nicht akzeptierten: „Gott hat ihn erwählt über euch und hat ihn gemehrt an Größe des Wissens und des Leibes. Und Gott gibt sein Königreich, wem Er will, und Gott ist allerreichend und wissend.“(2,247)

Zwei der Propheten-Schwerter im Topkapi-Museum

Zwei der Propheten-Schwerter im Topkapi-Museum

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4 – Sulṭān Süleyman vor Wien

1520 wurde der 20-jährige Habsburger Karl V. Kaiser des Heiligen Römischen Reiches (HRR) und der 26-jährige Süleyman I. osmanischer Sulṭān.

Ferdinand I., gemalt von Johann Bocksberger der Ältere, Kunsthistorisches Museum Wien

Ferdinand I., gemalt von Johann Bocksberger der Ältere, Kunsthistorisches Museum Wien

Karl war in Brüssel aufgewachsen und sprach bei seiner Königswahl nur französisch, kaum deutsch. Zuvor war er schon spanischer König geworden. Karl V. verfolgte das Konzept der Universalmonarchie, wonach dem Kaiser Vorrang vor allen übrigen Königen zukam. Er verstand sich als Friedenswahrer in Europa, Schützer des Abendlandes vor den Osmanen und sah sich zuständig für den Schutz und die Reform der Kirche. Durch die neuen Besitzungen in Amerika regierte Karl V. über ein Reich, von dem er selber gesagt haben soll, dass in ihm „die Sonne niemals unterging“. Durch die reichen Goldsendungen aus Amerika konnte er seine Kriege in Europa gegen seinen Erz-Rivalen finanzieren, François I. von Frankreich, das nun von Habsburger-Besitzungen umzingelt war. Karl trat seinem Bruder Ferdinand schon 1521/22 die österreichischen Erblande ab.

Bisher hatte es keine direkte Konfrontation von Osmanen und Habsburgern gegeben. Zwischen den beiden Großmächten war das Königsreich Ungarn. Als König Vladislav II. von Böhmen und Ungarn 1516 starb, war sein Sohn Lajos gerade mal 10 Jahre alt. Er war mit der Schwester von Karl und Ferdinand verheiratet. Um die Führung der Regierungsgeschäfte entbrannte ein Streit unter den ungarischen Adeligen Johann Zápolya und Stephan Báthory. Diese Machtkämpfe lähmten das Land. Als nach dem Amtsantritt von Sulṭān Süleyman der türkische Botschafter Behram Çavuş ermordet wurde und die jährlichen Steuern verweigert wurden, führte das zum Feldzug gegen Ungarn, in dem 1521 die große Festung von Belgrad erobert wurde. 1522 wurde Lajos für volljährig erklärt und zum König gekrönt. Lajos bat vergeblich die Brüder seiner Frau um militärische Unterstützung. So zog er 1526 mit einem schlecht gerüsteten ungarischen Heer in der Schlacht bei Mohács gegen eine osmanische Übermacht und wurde restlos vernichtet. Lajos selbst ertrank auf der Flucht.

Zweikampf in der Schlacht bei Mohács 1526 (Osmanische Miniatur, Süleymanname)

Zweikampf in der Schlacht bei Mohács 1526 (Osmanische Miniatur, Süleymanname)

Nach bestehenden Verträgen fiel der Königstitel an seinen Schwager Ferdinand (der zusätzlich noch mit der Schwester von Lajos verheiratet war), wogegen ein Teil der ungarischen Stände protestierte und Johann Zápolya zum König wählte. In den darauffolgenden Kämpfen behielt zunächst Ferdinand die Oberhand. Beide Parteien warben um die Gunst von Sulṭān Süleyman.

Sulṭān Süleyman I., gemalt von Titian

Sulṭān Süleyman I., gemalt von Titian

Am 10. Mai 1529 brach der Sulṭān mit einer Armee nach Ungarn auf und errichtete am 18. August sein Lager bei Mohács. Johann traf im Lager des Sulṭān ein und leistete den Handkuss als Zeichen der Vasalität. Der Sulṭān nahm am 8. September Ofen ein und setzte Johann als König ein. Ungarn wurde damit de facto ein osmanischer Vasallenstaat. Nach diesem Erfolg führte der Sulṭān sein Heer weiter nach Nordwesten und drang über Preßburg bis Wien vor, das die osmanischen Truppen am 27. September erreichten. Ob das Ziel tatsächlich die Eroberung des „Goldenen Apfels“ war, wie die Osmanen Wien damals nannten, oder nur eine Demonstration der Stärke, mit der Süleyman seinen Machtgewinn über Ungarn sichern wollte, ist unklar.

Kaiser Karl V. befand sich gerade im Krieg gegen Frankreich und der Großteil seiner zur Verfügung stehenden Truppen war dort gebunden. Daher versuchte sein Bruder Erzherzog Ferdinand, den Osmanen Friedensangebote zu machen und stellte regelmäßige Geschenke in Aussicht. Viele Wiener Bürger flohen vor den anrückenden Osmanen, einschließlich eines Großteils der bewaffneten Bürgerwehr. Zur Verteidigung der Stadt waren nur etwa 20.000 Mann verfügbar, zudem war die Stadtmauer Wiens veraltet. Die Angreifer zählten etwa 100.000 Soldaten. Wegen der fortgeschrittenen Jahreszeit mit vielen Regenfällen war der Zustand der ungarischen Straßen so schlecht, dass nur leichtere Geschütze mitgeführt wurden. Die Verteidiger wollten alle Gebäude außerhalb der Stadtmauern abreißen, um ein freies Schussfeld zu ermöglichen und um den Angreifern Möglichkeiten zur Deckung zu nehmen, wurden aber nicht rechtzeitig fertig. Gleich am 27. September bot der Sulṭān für den Fall der Kapitulation an, Stadt und Bevölkerung zu verschonen. Dies wurde aber abgelehnt. Achtzehn Tage lang belagerten die Osmanen Wien, dann zogen sie wieder ab. Die Truppen ließen alles zurück, was sie beim Rückzug behinderte. Es war schon zu spät im Jahr, Nachschub und Versorgung durch das Wetter sehr schwierig.

Sulṭān Süleyman vor Wien (Türkische Buchmalerei um 1588). Die Überschrift der Miniatur lautet: „Sulṭān Süleyman Chan kam von Ofen aus in Wien an; nachdem er die Vorstadt erobert und unterworfen hatte, kehrte er wegen des hinderlichen Winters zurück.“

Sulṭān Süleyman vor Wien (Türkische Buchmalerei um 1588). Die Überschrift der Miniatur lautet: „Sulṭān Süleyman Chan kam von Ofen aus in Wien an; nachdem er die Vorstadt erobert und unterworfen hatte, kehrte er wegen des hinderlichen Winters zurück.“

Drei Jahre später zog der Sulṭān erneut in Richtung Wien. Dieses Mal nahm aber das Reichsheer unter Kaiser Karl V. vor Wien Stellung und die Osmanen kehrten um, ohne dass es zur großen Schlacht kam. 1533 schlossen beide Parteien einen Friedensvertrag, der Ungarn aufteilte: Die Habsburger behielten das so genannte Königliche Ungarn, der Rest musste an das Osmanische Reich abgetreten werden. Ferdinand musste einen jährlichen Tribut von 30.000 Goldflorin an das Osmanische Reich zahlen.
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5 – Die zweite Belagerung

Der osmanische Reisende Evliyâ Çelebi schrieb, dass Sulṭān Süleyman an der Raab Grenz-Pfähle aufstellen lassen hat und ihre Überschreitung verflucht hat: „Wer von meinen Kriegern, Wesiren und verehrungswürdigen Nachkommen diese Grenze überschreitet,

"Auswechslung" der beiden Großbotschaften bei den Grenz-Pfählen

„Auswechslung“ der beiden Großbotschaften bei den Grenz-Pfählen

um ins Land der Giauren zu ziehen, der soll kein Glück haben und eine Niederlage erleiden!“ In den nächsten Jahren wechselten sich Schlachten mit wechselnden Siegern, Waffenstillstände und Friedenszeiten ab, aber tatsächlich war nie ein osmanisches Heer, das die Raab nach Norden überquert hatte, in einer größeren Schlacht siegreich.

1606 anerkannte Sulṭān Ahmed I. im Frieden von Zsitvatorok den Kaiser als gleichberechtigter Verhandlungspartner, eine einmalige Zahlung von 200.000 Gulden beendete den jährlichen Tribut. Dieser Friede hielt fast 60 Jahre, beide Seiten hielten sich dadurch den Rücken frei, während sie andere Gegner bekämpften: Die Habsburger waren in den Dreißigjährigen Krieg verstrickt, während die Osmanen unter anderem mit dem Perserreich Krieg führten. Nach Spannungen in Siebenbürgen begannen die Osmanen 1663 eine Offensive gegen Kaiser Leopold I. und eroberten mehrere Festungen in Oberungarn. 1664 unterlagen sie jedoch den kaiserlichen Truppen bei Levice und St. Gotthard an der Raab. Danach wurde ein Friedensvertrag auf 20 Jahre geschlossen.

Wien und Umgebung 1683 vor der Belagerung (Kupferstich von Joseph Mulder nach Folbert van Alten-Allen )

Wien und Umgebung 1683 vor der Belagerung (Kupferstich von Joseph Mulder nach Folbert van Alten-Allen )

Vertragsverhandlungen über eine Verlängerung des Friedens scheiterten 1682. Kaiser Leopold I. stellte daraufhin den Festungsbaumeister Georg Rimpler ein, der die Wiener Befestigungsanlagen, seit der ersten Belagerung schon dem aktuellen militärtechnischen Stand angepasst, weiter ausbaute und verbesserte. Am 26. Jänner 1683 schloss Leopold I. ein Defensivbündnis mit Bayern gegen Frankreich und das Osmanische Reich. In Abstimmung mit Frankreich unter Ludwig XIV. begann die osmanische Armee einen Vormarsch zur Unterstützung eines Aufstandes in Oberungarn und erreichten am 3. Mai Belgrad. Sulṭān Mehmed IV. übertrug den Oberbefehl seinem Großwesir Kara Mustafa Pascha und blieb selbst zurück. Herzog Karl V. von Lothringen, der Schwager des Kaisers, Generalissimus der kaiserlichen Armeen und Großvater des späteren Kaisers Franz I. Stephan, versuchte durch die Belagerung von Neuhäusel die osmanischen Truppen abzulenken, zog aber dann vor den Osmanen her Richtung Wien. Kaiser Leopold I. und die Kaiserfamilie flohen von Wien nach Passau – eine politische Notwendigkeit, um das Entsatzheer zu organisieren. Mit ihm verließen auch etwa 80.000 Einwohner die Stadt. Auf Befehl von Graf Starhemberg, der die militärische Führung in der Hauptstadt übernahm, wurden die Vorstädte in Brand gesetzt. Herzog Karl V. bezog am linken Donauufer bei Wien Stellung. Am 14. Juli erreichten die Osmanen Wien und schlossen es von Süden, Westen und Norden ein. Am 15. Juli forderten die Osmanen Graf Starhemberg zur Übergabe der Stadt auf. Als dieser ablehnte, begann der Belagerungskrieg. Kara Mustafa ließ Laufgräben ausheben mit deren Hilfe die Türken das Glacis geschützt überwinden konnten. Die türkische Artillerie feuerte unaufhörlich und die 310 Geschütze der Wiener schossen zurück, während Minen an der Burgmauer explodierten.

Die Belagerung (Kupferstich von Jacob Mueller nach J.J. Waldmann)

Die Belagerung (Kupferstich von Jacob Mueller nach J.J. Waldmann)

In Wien herrschten Nahrungsmittelknappheit und die Ruhr. Die erschöpfte Bevölkerung hoffte auf ein baldiges Eintreffen des versprochenen Entsatzheeres aus Polen. Am 15. August marschierte der polnische König Johann Sobieski mit seiner Armee von Krakau aus Richtung Wien. Kara Mustafa erhielt den Befehl des Sulṭāns, die Belagerung abzubrechen, verstärkte daraufhin aber seine Bemühungen noch mehr, Wien zu erobern – einem siegreichen Feldherrn wird eher verziehen als einem erfolglosen.

Das Befreiungsheer unter Sobieski und Karl von Lothringen näherte sich über den nördlichen Wienerwald und stand am 12. September am Kahlenberg. Nachdem der Truppenkern der Osmanen geschlagen worden war, ergriffen die Türken die Flucht. Sie sammelten sich bei Raab und zogen nach Belgrad ab, wo Kara Mustafa am 25. Dezember auf Befehl des Sulṭāns erdrosselt wurde. Beim Verfolgen der osmanischen Truppen wurde Gran zurückerobert und nach einer erfolglosen Belagerung 1684 wurde 1686 Ofen zurückgewonnen. Bis 1687 eroberte Venedig den Peloponnes zurück. 1686 schloss Russland sich dem Krieg gegen das Osmanische Reich an. Weitere Siege der Österreicher folgten. Im Friede von Karlowitz 1699 musste das Osmanische Reich umfangreiche Gebietsabtretungen hinnehmen: Ungarn, Siebenbürgen, Batschka gingen an Österreich, Podolien an Polen, Asow an Russland und Peloponnes an Venedig.

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6 – Das Kaffeehaus

Der Legende nach soll der in Polen geborene Georg Franz Kolschitzky das erste Kaffeehaus von Wien (und Europa) eröffnet haben, nachdem er als Belohnung für seine Tapferkeit während der Türkenbelagerung das Privileg des Kaffeeausschanks bekommen hatte. Er hätte mit von den Belagerern zurückgelassenen Kaffeebohnen, die von den Wienern zuerst für Kamelfutter gehalten wurden, den neuen Trank gebraut. Tatsächlich kam Kolschitzky zwar 20 Jahre davor im Dienste des kaiserlichen Gesandten nach Konstantinopel und hielt sich immer wieder im osmanischen Reich auf, woraus zu schließen ist, dass er Kaffee kannte. Während der Belagerung Wiens wagte sich Kolschitzky mit seinem Diener, als Türke verkleidet, durch die feindlichen Linien, um Meldungen zu überbringen, worauf er in den Rang eines kaiserlichen Dolmetschers erhoben wurde. Doch er besaß niemals ein Kaffeehaus und verstarb völlig verarmt in Wien.

Kaffeehaus in Istanbul (türkische Buchmalerei, 16. Jahrhundert)

Kaffeehaus in Istanbul (türkische Buchmalerei, 16. Jahrhundert)

Die ersten Kaffeehäuser entstanden im Osmanischen Reich, insbesondere in Kairo, Damaskus und Aleppo und ab 1554 in der Hauptstadt Istanbul. Im westlichen Europa wurde das erste Café 1647 in Venedig unter den Arkaden des Markusplatzes gegründet, da Kaufleute solche Einrichtungen in Konstantinopel und Alexandria als sehr angenehm empfunden hatten. Ab 1650 gab es Kaffeehäuser in England, ab 1677 in Hamburg. In Wien eröffnete ein Armenier namens Johannes Diodato 1685 das erste Kaffeehaus der Stadt, nachdem er dafür für seine Kundschafterdienste ein Privileg auf 20 Jahre erhalten hatte. Erst einige Jahre später wurde die Kaffeesiederei zum bürgerlichen Gewerbe erhoben. (Kaffeebohnen müssen ihn Wien schon früher erhältlich gewesen sein, weil schon 1645 schien Kaffee als regelmäßige Ausgabeposition in den Verpflegungsrechnungen der Hofkammer für türkische Gesandtschaften auf.)

Das erste Kaffeehaus in Wien (Franz Schams, 1862). Das Gemälde greift das Sagen-Motiv auf – Kolschitzky inmitten seiner Gäste in seinem Kaffeehaus “Zur blauen Flasche”, in familiärer Atmosphäre. Die Legende verdichtete historische Fakten in eine Person, in Kolschitzky, weil er der bekannteste von allen war.

Das erste Kaffeehaus in Wien (Franz Schams, 1862). Das Gemälde greift das Sagen-Motiv auf – Kolschitzky inmitten seiner Gäste in seinem Kaffeehaus “Zur blauen Flasche”, in familiärer Atmosphäre. Die Legende verdichtete historische Fakten in eine Person, in Kolschitzky, weil er der bekannteste von allen war.

Die ersten Kaffeehäuser wurden von Armeniern betrieben, Isaak de Luca betrieb das Haus „Zur blauen Flasche“. Seine Witwe heiratete später den Armenier Anton Deodat, und auch dessen Bruder Franz Ignaz führte ein Kaffeehaus. 1714 gab es schon mindestens 11 Gewerbeberechtigungen. Als Reklamezeichen und Aushängeschild verwendete man bis ins 19. Jahrhundert oft einen „gemalten Türken“, der an die Herkunft des Kaffeetrinkens erinnern sollte.

Und was ist mit „Türkischem Tee“? Obwohl heute schwarzer Tee so etwas wie ein türkisches Nationalgetränk ist, hatte er keine Tradition im Osmanischen Reich. Nach Europa kam Tee Anfang des 17. Jahrhunderts, die Niederländische Ostindien-Kompanie hatte das Monopol auf dem Seeweg. Am englischen Hof wurde der Tee 1662 eingeführt. Nach Russland wurde Tee aus Indien über den Landweg eingeführt. Im osmanischen Reich wurde das Trinken von Schwarztee erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von den Europäern übernommen. Der erste Anbau von Tee fand im Jahre 1937 in Rize statt.

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7 – Renegaten in osmanischen Diensten

Der offizielle Name des Osmanischen Reiches war „Memalik-i mahrusa-i şahane“ (die wohlbeschützten Länder seiner Kaiserlichen Majestät) – die Osmanen beschützten die Länder und Menschen, die zu ihren Territorium gehörten und trugen für sie die Verantwortung. Einen nicht unwesentlichen Anteil am Aufstieg und Ausbau des Osmanischen Reichs hatten Renegaten aus christlichen Ländern, die von den Osmanen im Sinne des Islāms als gleichberechtigte Brüder angesehen worden sind. So wie schon Köse Mihal Osman Gazi diente, nutzen noch viele Sulṭāne die Fähigkeiten und das Wissen von Europäern, die man an den Fürstenhöfen des Abendlandes abgewiesen, beleidigt oder verfolgt hatte. Besonders im Aufbau von Artillerie und Flotte waren sie sehr nützlich. Die riesige Kanone des Meister Urban aus Siebenbürgen half etwa bei der Eroberung Konstantinopels.

Hierfür 2 Beispiele im Detail:

Osman PaschaClaude Alexandre, Comte de Bonneval (1675-1747), wurde im osmanischen Reich als Humbaracı Ahmet Paşa bekannt. Er entstammte einer alten Familie aus dem Limousin. Im Alter von dreizehn Jahren trat er dem königlich-französischen Marine-Korps bei und machte danach eine rasche Karriere in der französischen Armee, nachdem er seinen Mut sowie seine große militärische Begabung unter Beweis gestellt hatte. Seine unverschämte Haltung gegenüber dem Kriegsminister brachte ihn 1704 vor das Kriegsgericht. Er wurde zum Tode verurteilt, rettete sich aber durch Flucht nach Deutschland. Durch den Einfluss von Prinz Eugen erhielt er ein Generalskommando in der kaiserlichen Armee. Er kämpfte im Spanischen Erbfolgekrieg, dann gegen Frankreich, wo er an der Schlacht von Malplaquet teilnahm, und anschließend im Türkenkrieg gegen die Osmanen, wo er in der Schlacht von Peterwardein verwundet wurde. Er ertrug unbedingte Autorität nur schwer und hatte für Witz und Ironie mehr übrig, als dies im militärischen Dienst zulässig war. Er hätte nun in die höchsten Ränge aufsteigen können, entzweite sich aber mit Prinz Eugen, über dessen Umgebung er Spottgedichte geschrieben hatte, über die sich ganz Wien amüsierte. Der Prinz schickte ihn mit einem Artilleriekommando in die Niederlande, wo Bonnevals ungestümes Temperament ihn in einen Streit mit dem stellvertretenden Statthalter verwickelte, welcher ihn gefangen nehmen ließ und vor das Kriegsgericht brachte. Er wurde zum Tode verurteilt, doch der Kaiser milderte das Urteil zu einem Jahr Gefangenschaft und Verbannung. Bonneval wurde nach Wien gebracht, all seiner Würden verlustig erklärt, und nach Venedig abgeschoben.

Bald nach seiner Freilassung bot Bonneval dem Osmanischen Reich seine Dienste an. Er konvertierte zum Islām und nahm den Namen Ahmed an. Man machte ihn zum Pascha und berief ihn, um die veraltete Artillerie der osmanischen Armee zu reorganisieren und zu kommandieren. Bonneval kannte die Struktur und die Schwächen der kaiserlichen Truppen gut und trug entscheidend zur österreichischen Niederlage bei Niš im Russisch-Österreichischen Türkenkrieg (1736–1739) bei, dessen Resultat für Österreich im Frieden von Belgrad (1739) den Verlust von Nordserbien mit Belgrad, Gebieten in Nordbosnien sowie der Kleinen Walachei bedeutete und Österreichs Ansehen im Deutschen Reich und in Preußen nachhaltig schadete. Bonneval leistete dem Sulṭān im Krieg gegen Russland und gegen Nadir Shah wertvolle Dienste. Als Belohnung erhielt er die Statthalterschaft über Chios. Aber er geriet beim Sulṭān unter Verdacht und wurde für eine Zeit an die Küste des Schwarzen Meeres verbannt. Bonneval starb 1747 in Istanbul. Bonneval starb 1747 in Istanbul.

İbrahim Müteferrika

İbrahim Müteferrika

İbrahim Müteferrika (ca. 1672 – 1745) war ein osmanischer Gelehrter und Diplomat ungarischer Herkunft. Wahrscheinlich ist, dass Müteferrika ein Unitarier in Siebenbürgen war, der wegen Verfolgungen nach Istanbul emigrierte. Sicher scheint, dass Müteferrika als junger Mann bereits mehrere Sprachen beherrschte, so Latein und Griechisch, Französisch und Deutsch. In Istanbul trat er zum Islām über, lernte Osmanisch, Arabisch und Persisch und forschte über seinen neuen Glauben, dann veröffentlichte er seine Ansichten in seinem Werk Risale -i Islāmiye (Abhandlung über den Islām, 1705 -1711). Durch seine fundierte, humanistische Bildung und seinen Sprachkenntnissen fiel er in Istanbul schnell auf und wurde zum Kurier und Dolmetscher des Sulṭāns berufen. Der Großwesir Damat Ibrahim Paşa freundete sich mit ihm an und er wurde mit delikaten diplomatischen Aufgaben betraut. Im diplomatischen Dienst unternahm er viele diplomatische Missionen und verhandelte mit Österreich, Frankreich, Russland und Schweden, u.a. war er 1715 als Botschafter in Wien und traf dort Prinz Eugen. 1717 ging er nach Paris, um den dort nach Exil suchenden siebenbürgischen Fürsten Rákóczi Ferencz II. zu bitten, nach Istanbul zu ziehen. In der Türkei übernahm er die Rolle des türkischen Sekretärs für ihn. Jahrelang versah Ibrahim Müteferrika die Rolle des eingeweihten Vermittlers zwischen der Hohen Pforte und dem Exilregenten und durch seine Hand gingen die zahlreichen vertraulichen, wörtlichen wie schriftlichen, Dialoge über Staatsangelegenheiten der Innen- und Außenpolitik. Müteferrika selbst gab in seinem Werk Risale-i Islāmiye über sich selbst bescheiden folgende Auskunft: „Ich bin ein anspruchsloser, mittelloser Sklave, und wurde in Ungarn, in der Stadt Kolozsvár geboren.“

Cihannuma Weltatlas von Kâtib Çelebi, gedruckt von İbrahim Müteferrika

Cihannuma Weltatlas von Kâtib Çelebi, gedruckt von İbrahim Müteferrika

1726 beantragte er die Errichtung einer Druckerei und erhielt 1727 von Sulṭān Ahmet III. die Erlaubnis zum Betrieb einer Druckerpresse zur Erzeugung nichtreligiöser Druckwerke. 1729 nahm er die erste osmanische Druckerpresse in arabischer Schrift in Betrieb. Zuvor hatte es im Osmanischen Reich nur hebräische und armenische Druckereien gegeben. Das erste gedruckte Werk war Vânkulı Lügatı, ein arabisch-türkisches Wörterbuch. Der Reisebericht des berühmten Evliya Çelebi wurde als einer der ersten Werke in der Druckerei gedruckt. Müteferrika druckte sowohl seine eigenen Werke als auch Übersetzungen wissenschaftlicher und historischer Werke aus dem Lateinischen. Ein weiteres wichtiges Druckwerk war der Cihân-nümâ, ein Weltatlas von Kâtib Çelebi. In lateinischer Schrift druckte er eine französischsprachige Grammatik der türkischen Sprache. Bis 1742 gab Müteferrikas Druckerei insgesamt siebzehn Werke mit einer durchschnittlichen Auflage von 500 bis 1000 Stücke heraus.

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8 – Alla turka

Maria Theresa mit ihrer Tochter in "Türkentracht" , gemalt von Jean-Etienne Liotard

Maria Theresa mit ihrer Tochter in „Türkentracht“ , gemalt von Jean-Etienne Liotard

Nach dem Frieden von Karlowitz 1699 bestand für Österreich keine unmittelbare Kriegsgefahr mehr. Das aus dem Mittelalter überlieferte polarisierende und dämonisierende Orientbild wurde im Zeitalter der Aufklärung zwar nicht aus der Welt geschafft, jedoch zumindest von vielen Intellektuellen der Zeit neu beleuchtet. Besonders die Toleranz Andersgläubigen gegenüber, aufgrund der das Osmanische Reich unzähligen Religionsflüchtlingen aus Europa (Juden aus Spanien, Calvinisten aus Ungarn und Siebenbürgen, Protestanten aus Schlesien usw.) eine neue Heimat bot, erweckte Interesse und Wertschätzung der Aufklärer für die islamische Welt des Orients.

Die an den europäischen Höfen des 18. Jhd. herrschende Türkenmode („Turquerie“) war jedoch im allgemeinen nicht das Ergebnis einer wirklichen Auseinandersetzung mit der geistigen Kultur des osmanischen Reiches, sondern Ausdruck einer theatralischen Schwärmerei für den angeblichen Luxus und die projizierte Sinnlichkeit orientalischer Lebensweise.

Selbstportrait von Jean-Etienne Liotard, der fünf Jahre in Konstantinopel gelebt hatte.

Selbstportrait von Jean-Etienne Liotard, der fünf Jahre in Konstantinopel gelebt hatte.

Die europäischen Orientphantasien nahmen Form und Gestalt an in den verschiedensten Bereichen des höfischen Alltagslebens (Interieurs, Porzellan, Stoffe, Kleidung). Maria Theresa z.B. ließ sich –wie viele andere – mehrere Male vom Genfer Maler Jean-Etienne Liotard in „Türkentracht“ porträtieren. Die Hochzeitsfeierlichkeiten zur Vermählung des sächsischen Kurprinzen Friedrich August II. mit der österreichischen Erzherzogin Maria Josepha 1719 waren ein Ausdruck der Faszination des Hofes für den exotischen Orient: Für das Fest ließ der Vater des Bräutigams eigens ein Palais auf „türkische Art“ gestalten, Janitscharen als Festgarde auftreten. Zum Empfang der Braut waren türkische Zelte errichtet worden und zur Tafel mussten die Gäste, darunter der türkische Großbotschafter, ausschließlich in türkischer Kleidung erscheinen.

Und man komponierte „alla turka“. So änderte sich fast in ganz Europa nicht nur die Militärmusik nach dem Beispiel der türkischen Militärkapelle „Mehterhane“ bis 1770, sondern viele berühmte Komponisten ließen sich inspirieren. Bekannte Beispiele sind Mozarts „Zaide“, „Entführung aus dem Serail“ und der „Alla turca-Marsch“. Literaten und Philosophen diente der Orient als Projektionsfläche für Kritik an der eigenen und für Entwürfe einer besseren Gesellschaft. In Österreich scheint diese Turkophilie auch eine psychologisch bedingte Verharmlosung des ehemaligen Feindes gewesen zu sein, bei der die Welt des islamischen Orients zu einer Märchenkulisse gemäß den eigenen Wunschvorstellungen verniedlicht wurde.

Einzug des marokkanischen Botschafters in Wien den 28. Februar 1783. Kolorierter Kupferstich von Hieronymus Loeschenkohl

Einzug des marokkanischen Botschafters in Wien den 28. Februar 1783. Kolorierter Kupferstich von Hieronymus Loeschenkohl

Das Interesse an der Osmanisch–Türkischen Sprache begann aus politischen Gründen bereits im 14. Jahrhundert. Maria Theresia ließ 1754 die Orientalische Akademie gründen, die zahlreiche Dolmetscher und Diplomaten ausbildete. Diplomatische Beziehungen zwischen den beiden Reichen gab es seit dem Frieden von Konstantinopel von 1547, wo Ungarn aufgeteilt worden war. Die von den Osmanen „Betsch Krali“ (=König von Wien) genannten habsburgischen Monarchen wurden 1606 in den zwischenstaatlichen Beziehungen in den Rang des „Tschesar- i Romai“ (Kaiser des römischen Reiches) gehoben und wurden damit dem Sulṭān ebenbürtig. Es begann die Zeit der Großbotschaften: Von Fall zu Fall von beiden Höfen gleichzeitig entsendet, von hochrangigen Persönlichkeiten angeführt und so aufwendig wie möglich gestaltet, war ihre Hauptaufgabe die „Auffrischung“ der Friedensverträge.

Dabei sendeten einander die Herrscher würdige und gleichwertige Geschenke und versuchten mit möglichst aufwendigen Gesandtschaften zu beeindrucken – so kam es auch zu den ersten Mehter-Auftritten in Wien. Daneben wurde natürlich auch das Gastland in jeder Hinsicht ausgekundschaftet. Auf dem Wiener Kongress 1814/15 handelte Fürst Metternich mit den führenden Staaten in Europa eine Staatenordnung aus, welche die Versöhnung mit den Kriegsgegnern und das Gleichgewicht der Großmächte vorsah.

Diner europäischer Minister beim Großwesir, Istanbul

Diner europäischer Minister beim Großwesir, Istanbul

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9 – Freundschaft

Österreich begann Ende des 18. Jahrhunderts ein freundschaftliches Verhältnis zu den Osmanen aufzubauen. Fürst Metternich hoffte, im Osmanischen Reich wirtschaftlich Fuß fassen zu können, nachdem Sulṭān Mahmut II. in seiner Armeereform auf militärische Stärke gesetzt hatte und eine erhöhte Waffenproduktion erforderlich wurde. Metternichs Hoffnung, die osmanischen Heere mit österreichischen Waffen zu versorgen, erfüllte sich allerdings nicht.

Die Verbesserung der gegenseitigen Beziehungen zeigte sich in Diplomatie, in der Einrichtung von kulturellen Institutionen und wissenschaftlichen Forschungen. Der Orientalist Joseph von Hammer-Purgstall verfasste nach seinem mehrjährigen Aufenthalt in Istanbul (1825 bis 1835) das zehnbändige Werk „Geschichte des Osmanischen Reiches“, eine Übersetzung der wichtigsten Fakten der osmanischen Geschichte nach den originalen historischen Protokollen der Hohen Pforte in Istanbul.

Sulṭān Abdulaziz

Sulṭān Abdulaziz

Im medizinischen Bereich wurden in Istanbul Spitäler und die erste Medizinische Hochschule nach Vorbild des Wiener Josephinums gegründet. Das erste Naturkundemuseum in Istanbul zeigte zahlreiche Schauobjekte aus Wien. Der Österreichische Lloyd war bis zum ersten Weltkrieg die bedeutendste Reederei im östlichen Mittelmeer und im Schwarzen Meer.  Im Osmanischen Reich gab es 40 k.u.k. Postämter und zahlreiche österreichische Warenhäuser, deren Fertigungsstätten nicht nur zivile Konfektionskleidung herstellten, sondern auch militärische Tracht für die osmanische Armee. Und der von Sulṭān Mahmut II. als militärische Kopfbedeckung eingeführten und bald auch im zivilen Bereich getragenen Fez wurden bald fast ausschließlich in Österreich hergestellt.

Auf Anfrage des Osmanischen Reiches kam es zur militärischen Unterstützung etwa im griechischen Aufstand der 1820er-Jahre, im Krimkrieg 1853 bis 1856 und der russischen Invasion 1877/1878. Ein formelles Bündnis gingen die beiden Staaten allerdings nie ein.

Sulṭān Abdulaziz besuchte 1867 als erster Sulṭān Westeuropa und kam auch nach Österreich. Er reiste in einem privaten Eisenbahnwagon, begleitet unter anderem von seinem Neffen Abdulhamid, dem späteren Sulṭān. Dass dies ein hoher Staatsbesuch war, verdeutlichte auch Kaiser Franz Joseph, indem er ihn höchstpersönlich vom Bahnhof abholte und nach Schönbrunn geleitete, wo der Sulṭān drei Tage lang wohnte.

1869 reiste der Kaiser mit großem Gefolge (423 Personen) zur Eröffnung des Suezkanals und machte dabei auch in Konstantinopel Station.

Auf der Reise zur Eröffnung des Suezkanals 1869 machte Kaiser Franz Joseph auch in Konstantinopel Station und besuchte den Topkapi-Palast. Das Bild stammt vom Hof-Fotografen des Sulṭāns. Der Kaiser nutzte die Reise auch für eine Pilgerfahrt nach Jerusalem.

Auf der Reise zur Eröffnung des Suezkanals 1869 machte Kaiser Franz Joseph auch in Konstantinopel Station und besuchte den Topkapi-Palast. Das Bild stammt vom Hof-Fotografen des Sulṭāns. Der Kaiser nutzte die Reise auch für eine Pilgerfahrt nach Jerusalem.

In seinen Briefen an Kaiserin Elisabeth hat der Kaiser die Reise detailliert beschrieben, hier die Ankunft in Konstantinopel: „Es war eine ungeheure Kanonade als ich einfuhr und dann wieder dieselbe Kanonade als der Sulṭān seinen Palast verließ und im Kaik an Board fuhr. Er war sehr freundlich und herzlich und lud mich in sein Kaik, in welchem wir gleich zum Palast fuhren, der dicht am Ufer herrlich gelegen und ein prachtvolles élégantes Gebäude ist.“ Nach dem Galadiner ging Franz Joseph früh ins Bett, „da hier die gute Einrichtung besteht, dass man Abends in Ruhe gelassen wird. Das Bett ist auf wenigstens 3 Personen berechnet und man muss immer daran denken, was in demselben schon Alles vorgegangen sein muss. Ich wohne nemlich in den Zimmern des Sulṭāns, während er sich in sein Harem zurückgezogen hat. Der Palast ist feenhaft schön und sinnlos luxuriös, aber recht unbequem zu bewohnen.“ Und im großen Palastsaal sagte er: „Ich glaube, wir erleben alle ein Märchen aus Tausend und einer Nacht.“ Der Sulṭān erwies dem Kaiser eine besondere Ehre – es war in Konstantinopel unerhört, dass der Padischah seinen eigenen Palast verlässt, um das ganze riesige Gebäude einem fremden Herrscher zu überlassen. Kaiserin Eugenie von Frankreich und die Prinzen von Preußen und Italien waren alle in Palästen untergebracht worden, die der Sulṭān nie bewohnt hatte. Der Sulṭān widmete auch dem leiblichen Wohl seiner Gäste große Aufmerksamkeit: Er hatte beispielsweise extra vier Wiener Bäcker kommen lassen, ja es wurde sogar regelmäßig echter Wiener Preßgerm mit Eilzügen und Eilschiffen geliefert. Die neu gebaute Straße zur österreichischen Gesandtschaft wurde „Kaiser-Franz-Joseph-Straße“ benannt. Das Programm des sechstägigen Besuchs umfasste unter anderem Stadtrundfahrten, eine Militärparade und ein gigantisches Feuerwerk. Der Kaiser empfing in Botschaftsgebäude „eine Deputation von wenigstens hundert Österreichern der hiesigen Colonie, Leute aller Nationalitäten und Stände.“ (Die österreichische Kolonie in Konstantinopel war bis dahin auf etwa 20.000 angewachsen). Und der Kaiser besuchte den großen Basar: „Ich habe einige hübsche Möbelstoffe und eine Narghilee (Wasserpfeife) gekauft.“

Kaiser Franz Joseph vor dem Gezira Palast in Ägypten, 22.11.1869

Kaiser Franz Joseph vor dem Gezira Palast in Ägypten, 22.11.1869

Kronprinz Erzherzog Rudolf war 1881 auf einer Orientreise, die ihn nach Kairo, Oberägypten, zum Suezkanal und nach Jerusalem führte. Er ließ sich in der Hofburg ein „Türkisches Zimmer“ als Arbeitszimmer einrichten.

 „Da ist das wirkliche Heim des Kronprinzen […]. Überhaupt bilden orientalische Teppiche den wichtigsten und schönsten Bestandtheil der ganzen Einrichtung. […]Auf dem Divan bilden zwei große, als Eselstaschen montierte Kissen die Rückenlehne. Vor dem Divan steht ein arabischer Rauchtisch mit einer großen, massiv silbernen, kunstreich gravierten Platte und um den Tisch sind mehrere türkische Tabourets mit Silber-, Elfenbein- und Perlmuttintarsien gestellt. […]“ („Allgemeine Illustrierte Zeitung“, 1886).

1883 nahm der Orientexpress seinen Betrieb auf, die Zugverbindung Paris – Wien – Konstantinopel.

1883 nahm der Orientexpress seinen Betrieb auf, die Zugverbindung Paris – Wien – Konstantinopel.

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10 – Das Ende

„[…] wenigstens hundert Österreicher […], Leute aller Nationalitäten“ schrieb Kaiser Franz Joseph aus Istanbul. Sowohl das Habsburger Reich als auch das Osmanische Reich waren Vielvölkerstaaten. Nicht ethnische oder geographische Herkunft waren entscheidend für die Aufstiegsmöglichkeiten am Hof, sondern Talent und Disziplin. Sowohl in Wien als auch in Konstantinopel tummelten sich Menschen aus dem ganzen Reich, die beiden Städte waren kreative Schmelztiegel. Aber spätestens im 19. Jahrhundert galt diese Staatsform als überholt, Nationalstaaten nach französischem Vorbilden galten als modern und fortschrittlich.

Den griechischen Adeligen wie Alexander Ypsilantis, die 1821 den Griechischen Aufstand anzettelten, ging es im Osmanischen Reich nicht schlecht, hatten sie doch selbst die Verwaltung in der Hand. Aber die Idee der nationalen Freiheit entzückte selbst Intellektuelle und Dichter wie Lord Byron, der in den griechischen „Freiheitskampf“ zog und nach einem Jahr völlig unheroisch an Unterkühlung starb. Auch in anderen Teilen des Reichs kam es zu Aufständen und Unabhängigkeitskämpfen. Viele europäische Medien verspotteten die Osmanen als „Kranker Mann am Bosporus“, europäische Mächte gewannen immer mehr an Einfluss, speziell Russland wollte das Reich aufteilen – Großbritannien und Österreich standen aber dagegen, auch weil sie Russland nicht zu mächtig werden lassen wollten.

Sulṭān Abdül Hamid

Sulṭān Abdül Hamid

In der Tanzimat(=Neuordnung)-Periode (1838–1876) sollte eine umfassende Modernisierung der Regierung, der Verwaltung, des Militärwesens, der Justiz und der Wirtschaft geschehen. Mit den von den Mächten eingeforderten Reformen gingen – auch bedingt durch die industrielle Rückständigkeit – zunehmend wirtschaftliche Probleme einher. In den „Kapitulationen“ genannten Handelsverträgen wurde der Markt im Osmanischen Reich für die Europäer geöffnet, und die Einfuhrzölle lagen unter den Ausfuhrzöllen. Die zerrütteten Staatsfinanzen führten am 13. April 1876 zur Erklärung des Staatsbankrotts – 50 Jahre davor war das Land noch schuldenfrei.

Der Journalist Wilhelm Wiener, der Kaiser Franz Joseph 1869 nach Konstantinopel begleitete und seine Reiseskizzen „Nach dem Orient“ ein Jahr später veröffentlichte: „Der kranke Mann ist nicht so krank, als gewisse Ärzte des civilisierten Europa’s glauben machen wollen, ja ohne den ewigen Wechsel von Arzneien, den ihm seine diplomatischen Ärzte verordnen, wäre er vielleicht schon längst gesund. Es scheint uns eine große Thorheit, die Türkei nach französischem, englischen oder irgend einem anderen civilisierten Muster reformieren zu wollen.“

Zahllose Postkarten wie diese propagandierten das Bündnis Österreich-Deutschland-Türkei

Zahllose Postkarten wie diese propagandierten das Bündnis Österreich-Deutschland-Türkei

Als Sulṭān Abdülhamid II. 1876 an die Macht kam, schien er zuerst die Reformbewegungen fortzusetzen, sah darin aber keinen Ausweg aus der verfahrenen Situation. Zwar waren armenische und jüdische Finanziers bereit, Kredite zu gewähren, aber nur gegen die üblichen Zinsen, und der Sulṭān wusste, dass das keine Lösung war. Als der zionistische Kongress an ihn herantrat mit dem Angebot, das Land Palästina zu kaufen gegen die Bezahlung aller Schulden des osmanischen Reiches, – und die gingen in die Milliarden englische Pfund -, lehnte er ab mit der Begründung, jenes Land sei nicht sein Besitz, sondern ihm anvertraut, und er sei nur sein verantwortlicher Verwalter, die Juden könnten aber wie schon immer seit der osmanischen Herrschaft unter seinem Schutz dort frei siedeln.

Abdülhamid hatte eine Vision, die eine Dimension höher war, die Idee des „Panislamismus“, der die innerislamischen Gemeinsamkeiten hervorheben und stärken sollte. Das ging aber gegen die Interessen der Mächtigen in Europa, und Sulṭān Abdülhamid wurde mit einer einzigartigen Verleumdungs-Kampagne als „Schlächter“ und „roter (blutiger) Sulṭān“ überschüttet und es wurde die Bewegung der „Jungtürken“ forciert, die schließlich 1909 den Sulṭān stürzten. Die von ihnen dann eingesetzten Nachfolger im Sulṭāns-Amt waren nicht viel mehr als machtlose Repräsentationsfiguren.

Der Shaykh ul-Islām proklamiert 1914 den Jihad gegen Russland, England und Frankreich.

Der Shaykh ul-Islām proklamiert 1914 den Jihad gegen Russland, England und Frankreich.

Im Rahmen der Revolution von 1848/49 kam es in Österreich zu ungarischen, böhmischen und italienischen Erhebungen mit dem Ziel der Unabhängigkeit, die zwar niedergeschlagen werden konnten, aber deren Feuer schwelte weiter. Die Italienischen Länder gingen in den nächsten Jahren verloren, mit dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich konnte eine Lösung gefunden werden, mit der die Ungarn zufrieden waren. Aber viele andere Völker wollten dann einen ähnlichen Status erhalten wie die Ungarn. Der Staat wurde hauptsächlich durch die Autorität zusammengehalten, die der alte Kaiser repräsentierte. Viele sahen in ihm ein Relikt aus der Vergangenheit, aber niemand wagte es, ihn zu stürzen. Nur eine europaweite Katastrophe konnte den Umsturz bringen.

Nach dem Attentat von Sarajewo setzten sich die Militärmaschinerien in Bewegung, nichts konnte sie mehr stoppen. 17 Millionen Menschen wurden zum Opfer. Im Osmanischen Reich proklamiert der Shaykh ul-Islām (der oberste Geistliche des Reiches) den Jihad gegen Russland, England und Frankreich. In Bosnien erklärte daraufhin der Rais al-Ulama – dieses Amt wurde 1882 vom Kaiser als religiöser Führer der Muslime in seinem Reich geschaffen – dass die bosnischen Gläubigen, die dem Jihad-Aufruf folgen wollen, in die k.u.k. Armee eintreten sollen, um dort Schulter an Schulter mit den osmanischen Soldaten gegen die gemeinsamen Feinde zu kämpfen.

Kaiser Karl mit Kaiserin Zita im Serail. 1918

Kaiser Karl mit Kaiserin Zita im Serail. 1918

Als Kaiser Franz Joseph 86-jährig starb, versuchte sein Nachfolger Kaiser Karl, den Einfluss der militärischen Eliten zurückzudrängen und tat alles ihm Mögliche, um das Blutvergießen möglichst schnell zu beenden. Bei seinem Staatsbesuch in Konstantinopel versuchte er, die türkischen Verbündeten für seine Friedensbemühungen zu gewinnen. Aber der dominierende Part im Dreierbund war das Deutsche Reich, und mit dessen Obersten Heeresleitung kommt es zu immer größeren Differenzen.

Am Ende des Ersten Weltkrieges 1918 hatten sich die staatlichen Verhältnisse in Europa und im Nahen Osten erheblich verändert. Die Monarchien in Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland waren beseitigt, das Osmanische Reich war auseinandergebrochen. Neue Nationalstaaten entstanden. Probleme waren durch den Krieg nicht gelöst worden, Nationalitätenprobleme und kriegerische Konflikte herrschten in Europa und im Nahen Osten noch lange vor.

Kaiser Karl in der Uniform eines ungarischen Feldmarshalls mit Sulṭān Mehmed V. Reşad in Konstantinopel, 19. Mai 1918. Ganz rechts der Kronprinz und spätere Sulṭān Mehmed VI. Vahideddin

Kaiser Karl in der Uniform eines ungarischen Feldmarshalls mit Sulṭān Mehmed V. Reşad in Konstantinopel, 19. Mai 1918. Ganz rechts der Kronprinz und spätere Sulṭān Mehmed VI. Vahideddin

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